(Angaben jew. zur Zeit der größten Ausdehnung Ende der 1980er Jahre
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Inzwischen ist ein Großteil der Industriegleisanlage wieder stillgelegt und abgebaut. Betrieben werden nur noch das Hauptstammgleis, die Umsetzanlage und das Stammlgeis IV mit dem Nebenanschluß zum Heizkraftwerk Daimlerstraße (Stand Frühjahr 2025).
Nach dem 2.Weltkrieg waren viele ausgebombte Ulmer Betriebe in den zahlreich vorhandenen Kasernen der Stadt untergekommen. Ab 1951 beanspruchte jedoch die US Armee diese Räume für sich. Als Ausweichquartier bot sich das geplante Industriegebiet Donautal an, das eigentlich für Neuansiedelungen vorgesehen war.
Einer dieser neuen Betriebe hätte eine "Neue Färberei Forst" werden sollen, die mit dem Bauantrag auch den Wunsch nach einem Gleisanschluß geäußert hatte. Das Unternehmen, das aus der Lausitz vertrieben worden war, ging zwar schon vor dem Umzug ins Donautal bankrott, bei der Stadt waren aber die Pläne für ein großes Industriegebiet schon so weit ausgereift, dass sich hier ab Ende 1951 andere Firmen ansiedeln konnten.
Von Anfang an waren zur Erschließung der Betriebe auch Gleisanlagen vorgesehen. Deren genaue Lage stand jedoch noch nicht fest, eine Grundstruktur ergab sich aber aus der Straßenführung.
Das Rückrad bildet ein Stichgleis parallel zur Südbahn. Von ihm zweigen mehrere Hauptgleise ab die zu den einzelnen Nebenanschlüssen führen. Diese sog. Stammgleise sollten entlang der straßenabgewandten Seite der Grundstücke verlaufen.
Schon die Pläne aus der Anfangszeit sahen neben dem Hauptstammgleis fünf Stammgleise vor, von denen die ersten beiden, wie später tatsächlich gebaut, nördlich und südlich der Boschstraße Richtung Daimlerstraße verlaufen.
Ein drittes und viertes Gleis war für den Bereich nördlich und südlich der Hohnerstraße geplant. Das fünfte Gleis wäre nördlich des Heuwegs entlang geführt worden und hätte mit einem gegenläufigen Bogen hinter dem dritten Stammgleis abzweigen sollen. Eine Anbindung dieses Gleises südlich der Umsetzanlage war als mögliche Alternative vorgesehen. Dieses Gleis und das Gleis nördlich der Hohnerstraße wurden jedoch nie gebaut. Das mag der Grund dafür sein, daß es in der Industriegleisanlage kein Stammgleis III gibt.
Das angedachte Gleis entlang des Heuwegs wurde später südlich der Maybachstraße als Stammgleis V realisiert.
Das zuständige Tiefbauamt machte sich alsbald mit großem Elan an die Umsetzung der Pläne, sah sich aber schon kurz nach Fertigstellung des ersten Stammgleises mit einer Rüge des Baubürgermeisters konfrontiert.
Er forderte, mit Rücksicht auf die kommunalen Finanzen möge man doch bitte mit den Arbeiten nur so weit voran schreiten, wie es der Ausbau des Industriegebiets und die Nachfrage der Betriebe angeraten erscheinen lassen.
Der Kostenvoranschlag für die ganze Industriegleisanlage belief sich 1950 auf 202.500 DM. Angefallen waren im Jahr 1951 aber allein schon für die Stammgleise I und II 368.400 DM. (1)
Mit der Eröffnung des neuen Schlachthofs 1968 ging auch eine Verlängerung des Stammgleises II in Betrieb. Im Jahr zuvor war bereits das Stammgleis IV über die Daimlerstraße hinaus in das neue Heizkraftwerk verlängert worden.
Die Ansiedelung der beiden Magirus-Deutz Werke und der AEG-Bildröhrenfabrik beim Oberen Riedhof machte Anfang der 1970er Jahre eine Erweiterung der bis dahin aus dem Haupt- und drei Stammgleisen bestehenden Anlage notwendig. Das Hauptstammgleis wurde bis auf Höhe des Bahnwärterhauses 120 verlängert. Das neue Stammgleis V diente der Anbindung der Firmenareale in nördlichen Teil des Neubaugebiets. Die großen Werke erhielten jeweils direkt vom Hauptstammgleis abgehende Nebengleise.
Zehn Jahre später plant der Gartengerätehersteller Gardena einen Neubau an der Lichternseestraße (später Hans-Lorenser-Straße). Für dessen Gleisanschluß musste das Stammgleis V über die Dieselstraße verlängert werden.
Im Rahmen dieser Maßnahme sollte gleich noch eine zweigleisige Kran-Verladeanlage mit Zufahrt von der Lichternseestraße entstehen (s. →Stammgleis V). Der seit den 1940er Jahren bei der Bahn eingeführte kombinierte Behälterverkehr, bei dem Ladeeinheiten durchgehend mit der Eisenbahn und auf der Straße transportiert werden konnten („Haus zu Haus“-Transport), wurde gerade durch den 1961 normierten ISO-Container abgelöst, der sich schon im Überseeverkehr durchgesetzt hatte.
Mit der Krananlage wäre eine standortnahe Umsetzung sowohl von Wechselbehältern als auch von Containern für die Betriebe im Donautal möglich geworden. Gebaut wurde die Anlage dann aber doch nicht.
Die letzte große Erweiterung der Gleisanlagen wurde mit Umzug der Wieland-Werke ins Donautal notwendig. Um das neue Werk anschließen zu können entstand das Stammgleis VI. Da gleichzeitig auch neue Grundstücke südlich des Magirus-Geländes zur Verfügung standen ging die Überlegung in Richtung einer großen Gleisschleife zur Erschließung dieses Gebiets (s. →Stammgleis VI). Der Schienengüterverkehr hatte aber inzwischen seine einstige Bedeutung verloren, für weitere Gleisanschlüsse gab es keinen Bedarf mehr.
Als letzte größere Neubaumaßnahme erfolgte 2007/2008 eine Verlängerung des Hauptstammgleises bis zur Kreisstraße nach Gögglingen. Zu dem Zeitpunkt war eine umfangreiche Stilllegung und der Rückbau der Stammgleise aber schon länger im Gange.
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Die Stammgleise und Nebenanschlüsse im Einzelnen:
→Haupt-stammgleis
→Stammgleis I
→Stammgleis II
→Stammgleis IV
→Stammgleis V
→Stammgleis VI
Quellen:
(1): Stadtarchiv Ulm, B 774/34 Nr. 1
Firmendaten: Stadtarchiv Ulm, Adressbuch 1812 - 1939
Kartendaten: Pläne SWU
Luftbild: https://www.geoportal-bw.de - Digitaler Luftbildatlas - WMS LGL-BW Hist. Orthophotos für Zeitschieberegle
Text: Manfred Pötzl, TIG - Plattform für Ulm/Neu-Ulmer Technik- u. Industriegeschichte, ©2025
Unser besonderer Dank gilt Herrn Roth von der SWU für die Erlaubnis, Einsicht in die alten Pläne und Unterlagen nehmen zu dürfen.