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Die Industriegleisanlagen
der Stadt Ulm





Ostgleis


(Angaben jew. zur Zeit der größten Ausdehnung
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Das Industiegleis Ost besteht, im Gegensatz zu den anderen Industriegleisanlagen der Stadt, nur aus einem Hauptgleis, von dem alle Nebenanschlüsse abzweigen.


Seine Abzweigweiche liegt bei Km 70+4 der Brenzbahn. Es überquert kurz danach die Örlinger Straße und führt entlang der Straße "An der Baindt" und der Talfinger Straße bis zur Friedrichau-Schule.
Der städtische Teil des Industriegleises endet dort an der Abzweigweiche zur Ladestelle II. Ab da gehören die Gleisanlagen zum Nebenanschluß der Fa. Wieland.


Auf Höhe der Finkenstraße zweigt ein Umsetzgleis ab, das bis über die Wielandstraße reicht.


Nach dem Konkurs der Firma Eberhardt im Jahr 1970 entstand auf dem Firmengelände ein neues Wohngebiet. Im Zuge der Umgestaltung wurden weite Teile des Industriegleises abgerissen. Erkennbar ist heute nur noch der Bereich um die Ladestraße I (Parkplatz) und ein Gleisdamm bis zur Gutenbergstraße.



Die Gießerei von Ph.J. Wieland, die mechanische Werkstatt der Gebr. Eberhardt, die Lederfabrik der Gebr. Lebrecht und die Hutmanufaktur von Friedrich Mayser haben die Oststadt schon zum Ende des 19.Jahrhunderts zu einem kleinen Industriegebiet gemacht.


Im Dezember 1892 schlägt die königliche Eisenbahngeneraldirektion eine Schienenverbindung vom Ulmer Bahnhof in den Bereich "Untere Bleiche" vor. Sie sollte ausserhalb der Festungsmauern von der Brenzbahn abzwiegen. Eine Entscheidung zum Bau dieser Gleise erfolgt jedoch nicht.


Der nächste Anlauf zu einer Gleisanbindung der Betriebe in die Oststadt wird im Oktober 1896 unternommen. Die Gespräche über eine Schienenverbindung hauptsächlich zwischen der Haltestelle Stuttgarter Tor (später Ostbahnhof, heute Ulm-Ost) und dem städt. Schlachthaus bleiben ebenfalls ergebnislos.


Kurz nach der Jahrhundertwende gelingt es den Städten Ulm und Neu-Ulm, das der Bundesfestung vorgelagerte Gelände zu kaufen und dann auch bebauen zu dürfen.
Der Ulmer Oberbürgermeister Heinr. v. Wagner beschwert sich 1906 in einem Schreiben an die Eisenbahngeneraldirektion darüber, dass Neu-Ulm für den Kauf von Festungsgelände an den bayer. Staat nur 1 Mark/qm zahlen musste, Ulm an das Reich aber das 5-fache. Er befürchtet wegen der höheren Grundstückspreise in der Oststadt und der weiten Wege, die von diesen Gebieten aus zum Ulmer Güterbahnhof zurückzulegen sind, eine Abwanderung vieler Unternehmen wie z.B. Eberhardt, Wieland und Mayser nach Neu-Ulm.
Die Obrigkeit in Stuttgart teilt diese Befürchtung und schlägt den Bau einer Industriegleisanlage vor, die das östliche Industriegebiet mit dem Güterbahnhof (damals noch unterhalb des Kienlesbergs an der Wilhelmstraße gelegen) verbindet.
Beim Haltepunkt Stuttgarter Tor soll auch eine Güterannahmestelle eingerichtet werden.


In einer Gemeinderatssitzung v. 15.11.1906 stimmt der Rat dem Vorschlag zu und beauftragt das Tiefbauamt mit der Planung. Es werden 16 Betriebe zu einer Interessentenversammlung eingeladen, darunter neben Eberhartdt, Wieland und Lebrecht auch der Schlachthof und das Elektrizitätswerk. Es wird mit einem Transportaufkommen von 2500 Wagen/Jahr gerechnet.


Die Sache ging jedoch nicht recht voran.
Im Januar 1908 brachten mehrere Firmen mit einer Anfrage im Gemeinderat das Industriegleis Ost erneut ins Gespräch. Sie bemängelten wiederholt die Nachteile durch den nun noch längeren und kostenintensiveren Transportweg zum neu eingerichteten Güterbahnhof im Westen der Stadt beim Blaubeurer Tor.
Zu den Unterzeichnern gehören neben den Gebrüdern Eberhardt und Leibinger (Inhaber der Brauerei z. schwarzen Ochsen beim Donautor) die Unternehmer Gabriel Lebrecht und Fritz Mayser sowie Vertreter der Trikotwarenfabrik Burkhardt & Moos, der Maschinenfabrik Georg Ott, der Fleischerinnung und einige andere.
Wegen neuer Bedingungen, die die Eisenbahnbehörde für eine Genehmigung stellt, verzögert sich der Baubeschluß aber weiterhin.


In einer Unterredung mit Firmenvertretern am 01.07.1909 verpflichtet sich die Stadt zum Bau und Unterhalt der Gleisanlage, die Höhe der Nutzungsgebühren soll jedoch vorerst noch offen bleiben.
Darüber entwickelt sich in der Folgezeit ein heftiger Streit besonders mit der Firma Eberhardt, die eine Gleichbehandlung mit den Nutzern des Westgleises fordert. Für das Ostgleis waren nämlich erheblich höhere Gebühren vorgesehen als für das Westgleis schon festgelegt waren.
Die Stadt allerdings beharrte auf ihrem Standpunkt mit der Begründung, dass der Transport mit Pferdewagen zur nächsten Güterannahmestelle gegenüber ihrem beabsichtigten Tarif doppelt so teuer sei, die Unternhemer folglich vom Gleis ausreichend profitieren und die Stadtkasse andernfalls ungebührlich belastet würde.


Im Mai 1910 spricht OB Wagner in einer Gemeinderatssitzung dann ein Machwort und akzeptiert über die Köpfe des Rates hinweg die von den Firmen geforderte Gebühr von 1 Mark pro Wagen.
Mit der Klärung der Gebührenfrage war der Weg frei für den Bau der Anlage, der dann mit der Gemeinderatssitzung am 28.7.1910 beschlossen wurde.


Die Bauarbeiten konnten schon im Januar des Folgejahres abgeschlossen werden.
Die Herstellungskosten für das Ostgleis betrugen ca. 130.000 Mark


Quelle: Sammlung UNF
Quelle: Foto: ©M.Pötzl
links unten: Trasse des Ostgleises beim Stadion
dahinter die Gleise der Straßenbahn
um 1960
2025



Nebenanschlussgleise und Nebenanschließer


Nebenanschlussgleise
Adresse Firma Zeitraum (ca.)
Örlinger Str. 32 Landwirtsch. Bezugs- u. Absatzgenossenschaft, später Raiffeisenbank
Lagerhaus und Mühle
ab ca. 1923
Gutenbergstr.31 Stadt Ulm, Tiefbauamt
Bauhof u. Autopark
ab 1934
Talfinger Str. 44 Gebr. Eberhardt
Pflugfabrik
ab 1910
Talfinger Str. 5 Gabriel Lebrecht
Lederfabrik
später von Gebr. Eberhardt als Nebenanschluß II übernommen
ab 1910
Olgastr. 95 Wieland-Werke A.G. ab 1910

Nebenanschließer

Für eine Reihe von Unternehmen in der Oststadt war es nicht möglich oder lohnend, einen eigenen Gleisanschluß bis ans Ostgleis zu legen. Die Stadt Ulm richtete daher zwei Ladestellen ein, die von den Betrieben gemeinsam genutzt werden konnten.
Beide Ladestellen wurden vom Zirkus Althoff für dessen Gastspiele in der Friedrichsau genutzt um die Tiere und Schaustellerwagen nicht, wie lange üblich, von der Schillerrampe aus durch die ganze Stadt ziehen lassen zu müssen.


Ladestelle I

Georg Ott, Maschinenfabrik
Fr. Mayser, Hutfabrik
Georg Schöllkopf, Sprengstoffe
Jakob Schüle, Gutshof Obertalfingen
Zirkus Althoff

Ladestelle II

Kienzerle & Haunstein, Papiergroßhandel
Zirkus Althoff

Wagenverkehre: (in Wagen pro Jahr)

  • 1912: 5944
  • 1913: 6094
  • 1925: 7252
  • 1926: 6431
  • 1927: 9417
  • 1928: 7634
  • 1929: 6697
  • 1930: 4853
  • 1931: 3415
  • 1932: 3072

Die Angaben stammen aus SWU-Plänen und sind nicht belegt.






(Plan anklicken zum Vergrößern)

Ostgleis-Trasse bei der Gutenbergstraße im Jahr 2025




Quellen:
Rainer Stuber - Aspekte württemb. Regionalidustrialisierung: Ulm 1810-1914; Diplomarbeit am Lehrstuhl für wirtschafts- u. sozialgeschichte d. Universität Mannheim, 1988
Stadtarchiv Ulm - StAU B 830/10 Nr.2; StAU B 005/5 Ratsprotokoll v. 11.6.1909 §§987,1962; RProt. v. 16.5.1907 §1084; RProt v. 19.11.1909 §1962; RProt. v. 26.1.1911;
Firmendaten: Stadtarchiv Ulm, Adressbuch 1812 - 1939
Kartendaten: Pläne SWU
Luftbild: https://www.geoportal-bw.de - Digitaler Luftbildatlas - WMS LGL-BW Hist. Orthophotos für Zeitschieberegle
Text: Manfred Pötzl, TIG - Plattform für Ulm/Neu-Ulmer Technik- u. Industriegeschichte, ©2025

Unser besonderer Dank gilt Herrn Roth von der SWU für die Erlaubnis, Einsicht in die alten Pläne und Unterlagen nehmen zu dürfen.